Die Pflanzenveredelung ist eine rein vegetative Vermehrungsmethode, um robuste und ertragreiche Pflanzen zu züchten. Erfahren Sie hier, welche Techniken es gibt und wie Sie diese erfolgreich umsetzen können.

Die Pflanzenveredelung verbindet Tradition mit moderner Gartenbaukunst, die mit ihrer scheinbaren Einfachheit beeindruckt, dabei aber eine erstaunliche Vielfalt an Möglichkeiten bietet. Dabei werden zwei Pflanzen mit unterschiedlichem Erbgut so miteinander verbunden, dass ihre besten Eigenschaften in einer neuen, kraftvollen Pflanze vereint werden.

Gründe für die Pflanzenveredelung

Bei vielen Gehölzen ist die Veredelung die effizienteste Methode, um Pflanzen sortenecht zu vermehren. Zudem dauert die Vermehrung über Samen und Stecklinge in der Regel deutlich länger als die Pflanzenveredelung. Besonders Gewächse, die als Stecklinge nur schwer oder gar keine eigenen Wurzeln bilden, profitieren von dieser Technik. Auch Pflanzen, die durch Stecklingsvermehrung schwächer wachsen, lassen sich durch Veredelung gezielt stärken.

So wird veredelt

Pflanzenveredelung
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Die Veredelung erfolgt grob gesagt in zwei Schritten. Als Erstes müssen Sie von der Pflanze, die Sie gern erhalten möchten, einen jungen Ast (den Edelreiser) entnehmen. Anschließend setzen Sie diesen auf eine Pflanze, die als Wurzelersatzsystem dient (die Unterlage). Dadurch können andere Wuchsformen entstehen, aber auch neue Blüten oder Früchte.

Damit das Edelreis sicher mit der Unterlage verwächst, ist Präzision gefragt. Die Verbindung erfolgt an der Kambiumschicht, einer dünnen Wachstumsschicht zwischen Holz und Rinde. Um ein erfolgreiches Verwachsen zu gewährleisten, müssen die Schnittflächen von Edelreiser und Unterlage präzise aufeinanderpassen und fest fixiert werden. Dies geschieht mithilfe von Veredelungsband und einem sorgfältigen Wundverschluss.

Schon gewusst? Als Kambium bezeichnet man vor allem bei Bäumen die Wachstumsschicht, die sich zwischen dem Splintholz und der Rinde befindet. Sie ist verantwortlich für das Sprosswachstum der Pflanze.

» Veredelung von Ziergehölzen

Ziergehölze werden häufig auf robuste Wildarten veredelt, um sie widerstandsfähiger und langlebiger zu machen. Dabei sollte die Unterlage gut entwickelt sein und einen stabilen Stamm haben. Wichtig ist, dass Unterlage und Edelreis genetisch gut zusammenpassen, da sonst das Wachstum beeinträchtigt wird. Ein Beispiel ist die Korkenzieherhasel, die oft auf die Baumhasel gepfropft wird.

» Hochstamm-Veredelungen

Wenn Bäume mit einer klaren Kronenhöhe gewünscht sind, kommt die Hochstamm-Veredelung ins Spiel. Die Unterlage wächst zunächst in die gewünschte Höhe, bevor das Edelreis angesetzt wird. Diese Technik wird oft bei Kugelbäumen wie Kugelahorn oder Trauerformen angewendet. Das Ergebnis: formschöne Bäume, die in jedem Garten ein echter Blickfang sind.

» Veredelung von Obstgehölzen

Bei Obstgehölzen spielt die Unterlage eine entscheidende Rolle. Sie beeinflusst nicht nur das Wachstum, sondern auch die Pflegeleichtigkeit und den Erntezeitpunkt. Schwach wachsende Unterlagen wie die Apfelunterlage (M9) sorgen dafür, dass die Bäume kompakt bleiben und bereits nach wenigen Jahren Früchte tragen. Für Hobbygärtner und den Anbau in kleinen Gärten sind solche Veredelungen ideal, da sie wenig Platz benötigen und trotzdem ertragreich sind.

Welche Werkzeuge werden für die Veredelung verwendet?

Für die Veredelung gibt es präzise und spezialisierte Werkzeuge:

  • Astschere
    Zum Schneiden von größeren Ästen und zur Vorbereitung der Unterlage.
  • Hippe
    Ein vielseitiges Gartenwerkzeug, das für gröbere Schnitte verwendet wird.
  • Okuliermesser mit Rindenlöser
    Besonders bei der Knospenveredelung hilfreich, da es mit seiner feinen Klinge präzise Schnitte ermöglicht und die Rinde einfach gelöst werden kann.
  • Kopuliermesser mit gerader Klinge
    Ideal für glatte, saubere Schnitte, um das Kambium freizulegen und passgenau zu verbinden.
  • Veredelungsband
    Elastisches Material, das die Verbindungsstelle schützt und Austrocknung verhindert.
  • Veredelungsklemmen
    Zur stabilen Fixierung der Schnittstellen, besonders bei dickeren Unterlagen.
  • Wundverschlussmittel
    Eine Art Schutzlack, der die empfindlichen Schnittstellen vor Infektionen und Austrocknung bewahrt.
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Veredelungstechniken

Während man bei den Ruhezeiten in Verbindung mit der Pflanzenveredelung vor allem auf die Kopulation und die Geißfußveredelung zurückgreift, spielen die Rindenpfropfenveredelung und die Okulation eine wichtige Rolle während der Wachstumsphasen.

» Rindenpfropfen

Edelreiser wird in die Rinde von einem Ast gesteckt.
Edelreiser wird in die Rinde von einem Ast gesteckt. | © REMINDFILMS / stock.adobe.com

Das Rindenpfropfen eignet sich besonders gut für dickere Stämme oder ältere Obstbäume. Die Methode wird oft genutzt, um einen bestehenden Baum mit einer neuen Sorte zu veredeln.

Anleitung Rindenpfropfen:

  • Die Rinde der Unterlage wird vorsichtig abgelöst, ähnlich wie ein Türchen, das geöffnet wird.
  • Ein Edelreis (ein junger Trieb mit mindestens zwei Knospen) wird an der Basis schräg zugeschnitten und unter die gelöste Rinde geschoben.
  • Die Stelle wird mit Bast oder Veredelungsband fixiert und mit Wundverschlussmittel geschützt.

Wann anwenden? Im Frühjahr, wenn die Pflanze im Saftfluss ist und die Rinde sich leicht vom Holz lösen lässt.

Für welche Pflanzen? Das Rindenpfropfen wird häufig bei älteren Obstbäumen wie Apfel, Birne oder Kirsche angewandt.

» Seitliches Einspitzen

Rinde wird am Stamm mit einem Veredelungsmesser eingeschnitten.
Rinde wird am Stamm mit einem Veredelungsmesser eingeschnitten. | © triocean / stock.adobe.com

Das seitliche Einspitzen ist eine Methode, die sich sowohl für junge als auch für ältere Bäume eignet. Sie wird oft verwendet, wenn mehrere Sorten auf einem Baum kombiniert werden sollen.

Anleitung seitliches Einspitzen:

  • In die Seite des Stammes oder eines Astes wird ein schräger Einschnitt gemacht.
  • Das Edelreis wird an der Basis schräg angeschnitten und in den Einschnitt gesteckt, sodass die Leitungsbahnen von Edelreis und Unterlage gut aufeinanderliegen.
  • Alles wird fest umwickelt und versiegelt, um das Austrocknen zu verhindern.

Wann anwenden? Im Frühjahr während des Saftflusses.

Für welche Pflanzen? Das seitliche Einspitzen eignet sich besonders für Obstbäume wie Apfel, Birne oder Pflaume, auch bei Multisortenbäumen.

» Spaltpropfen

Edelreiser werden in einen Spalt im Ast eingesteckt.
Edelreiser werden in einen Spalt im Ast eingesteckt. | © Natalia / stock.adobe.com

Das Spaltpropfen ist eine bewährte Methode, die oft bei dickeren Stämmen oder Ästen verwendet wird.

Anleitung Spaltpropfen:

  • Die Unterlage wird an der Veredelungsstelle gespalten, ähnlich wie beim Spalten eines Holzstücks.
  • Das Edelreis wird an der Basis keilförmig zugeschnitten und in den Spalt eingeführt.
  • Anschließend wird die Stelle fest zusammengebunden und mit Wundverschlussmittel geschützt.

Wann anwenden? Im Spätwinter oder zeitigen Frühjahr, bevor die Pflanze austreibt.

Für welche Pflanzen? Spaltpropfen wird häufig bei Obstbäumen wie Apfel oder Birne, aber auch bei Ziergehölzen praktiziert.

» Geißfußveredelung

Edelreis wird keilförmig zugespitzt und in den V-Einschnitt eingeführt.
Edelreis wird keilförmig zugespitzt und in den V-Einschnitt eingeführt. | © Syndy / stock.adobe.com

Die Geißfußveredelung ist ideal für junge Gehölze oder dünnere Äste. Die Äste stehen nach der Veredelung kaum von der Rinde ab.

Anleitung Geißfußveredelung:

  • Die Unterlage erhält einen keilförmigen Einschnitt, dadurch wird die Rinde nicht gelöst.
  • Das Edelreis wird passend dazu keilförmig zugespitzt („Geißfuß“) und in den Einschnitt eingeführt.
  • Nach dem Einsetzen wird die Verbindung fest umwickelt, um eine gute Stabilität zu gewährleisten.

Wann anwenden? Im Spätwinter oder zeitigen Frühjahr, bevor die Pflanzen austreiben.

Für welche Pflanzen? Geißfußveredelung wird häufig bei Obstbäumen wie Apfel, Birne oder Pflaume durchgeführt.

» Okulation

Knospe wird in eine Rindentasche eingesetzt.
Knospe wird in eine Rindentasche eingesetzt. | © Life Background / stock.adobe.com

Die Okulation ist eine sehr sparsame Technik, bei der nur eine einzelne Knospe (das „Auge“) als Edelmaterial verwendet wird.

Anleitung Okulation:

  • Ein T-förmiger Schnitt wird in die Rinde der Unterlage gemacht.
  • Eine Knospe mit einem kleinen Stück Rinde wird von der gewünschten Pflanze entnommen und in den Schnitt eingesetzt.
  • Die Stelle wird festgebunden, sodass die Knospe gut anwachsen kann.

Wann anwenden? Im Sommer, wenn die Rinde sich leicht lösen lässt.

Für welche Pflanzen? Beliebt bei der Veredelung von Rosen, Zitruspflanzen und jungen Obstbäumen wie Apfel oder Kirsche.

» Kopulation

Die Kopulation eignet sich hervorragend, wenn Edelreis und Unterlage gleich dick sind. Sie ist eine der präzisesten Veredelungstechniken und wird häufig bei jungen Obstbäumen angewendet. Es gibt zwei Varianten der Kopulation: die einfache Kopulation und die Kopulation mit Gegenzunge.

Anleitung Kopulation:

  • Einfache Kopulation: Beide Teile, Edelreis und Unterlage, werden in einem langen, schrägen Winkel angeschnitten, sodass möglichst große Kontaktflächen entstehen. Die Schnittflächen werden passgenau aufeinandergelegt, wobei die Kambiumschichten exakt übereinander liegen müssen.
  • Kopulation mit Gegenzunge: In beide schrägen Schnittflächen wird ein kleiner Gegenschnitt eingefügt, der wie ein Puzzlestück für zusätzliche Stabilität sorgt. Diese Technik verhindert, dass die Teile verrutschen und sorgt für eine stärkere Verbindung.

Anschließend wird die Verbindungsstelle mit Veredelungsband fest umwickelt, um die Schnittflächen zu schützen und die Feuchtigkeit zu bewahren. Ein Wundverschlussmittel wird abschließend aufgetragen, um die offenen Stellen vor Austrocknung und Infektionen zu schützen.

Wann anwenden? Die Kopulation wird idealerweise im Spätwinter oder frühen Frühjahr durchgeführt, bevor die Pflanzen aus der Winterruhe erwachen.

Für welche Pflanzen? Diese Technik eignet sich besonders für Obstbäume wie Apfel, Birne oder Kirsche sowie für andere Gehölze mit gleichstarken Trieben.

Tipp: Lesen Sie dazu auch unseren Artikel „Pflanzen veredeln – 3 Methoden erklärt“.

Welche Pflanzen können veredelt werden?

Pflanzenveredelung Obstbaum
Obstbaum wir veredelt – © hauswurzn / stock.adobe.com

Eine Veredelung ist nur bei Nacktsamern oder bei zweikeimblättrigen Pflanzen möglich, da nur diese ein Kambium besitzen, welches für den Verwachsungsprozess unentbehrlich ist. In der Regel werden verholzende Pflanzen wie Rosen oder (Obst-)Bäume veredelt. Aber auch Fruchtpflanzen wie Tomaten, Gurken oder Kürbisse eignen sich für die Veredelung.

Seit wann werden Pflanzen veredelt?

Die Pflanzenveredelung wird als solche bereits seit der Antike angewendet. In den vergangenen Jahrhunderten wurde sie durch Menschenhand stetig perfektioniert und hat so an Komplexität und Volumen gewinnen können.

Worauf ist bei der Pflanzenveredelung zu achten?

Bei allen Vorgängen der Pflanzenveredelung muss auf ein hohes Maß an Hygiene geachtet werden. Vermeiden Sie es unbedingt, die Schnittstellen zu berühren – sowohl mit den Händen als auch mit irgendwelchen Gegenständen. Auch mit Wasser dürfen die Schnittstellen nicht in Berührung kommen. Ebenso müssen Sie bei der Veredelung darauf achten, dass die Kambien des Edelreisers und der Unterlage idealerweise genau aufeinanderliegen, damit die Pflanzenteile gut zusammenwachsen können.

Ringo von Gartentipps.com

Ringo ist Gründer und Chef-Redakteur von Gartentipps.com. Hat auf dem Dorf (bei Oma) zwischen Stachelbeeren, Kirschbaum und Hühnerhof seine Leidenschaft fürs Gärtnern entdeckt.

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